Gedanken am frühen Morgen

Seit einiger Zeit treiben mich Gedanken um. Mir ist etwas eingefallen, etwas aus meiner Kindheit. Als ich noch recht klein war, definitiv unter 10 Jahre, hatte ich ganz oft das Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmt. Dass das Leben, so wie es läuft, falsch ist. Dass die Zwänge, denen wir unterliegen, damals war es die Schulpflicht, mit oft stundenlangen Hausaufgabensessions, nicht gesund sind. Dass das nicht DAS LEBEN sein kann. Ich spürte die Unnatürlichkeit dieses uns auferzwungenen Lebens. Schon damals war ich fasziniert, wenn ich im TV Dokumentationen über Naturvölkchen mit tiefschwarzer Haut sah, die nichts hatten, aber denen man im Gesicht ansah, dass sie um einiges glücklicher waren, als wir. Von denen hatte keiner diesen verbissenen Zug meiner Mutter um den Mund, der diesen zu einer geraden, harten Linie verzerrte und aus ihrem Gesicht eine kalte Fratze machte, vor der ich mich fürchtete. Diese Menschen im Fernsehen sahen so glücklich aus, so entspannt. Sie wurden „Wilde“ genannt und man belächelte sie, weil sie unzivilisiert waren. Unzivilisiert… die Glücklichen! Keiner schreibt Ihnen Dinge vor, die sie tun müssen, die aber völlig sinnfrei sind. Die arbeiten nur, um zu leben.

Damals schon sinnierte ich darüber nach, warum es Menschen gibt, die uns vorschreiben dürfen, was wir zu tun und zu lassen haben.  Sind nicht alle Menschen gleich? Warum dürfen andere über uns bestimmen? Warum darf nicht jeder Mensch so leben, wie es ihn glücklich macht? Ich hatte das Leben mit 10 schon besser verstanden, als die Systemzombies es jemals verstehen werden.

Wenige Jahre später, als ich den Schulalltag mit so sinnvollen Fächern wie Latein und Religion hinter mir ließ, mein Protest in Form konsequenter Mitarbeitsverweigerung und daraus resultierender unterirdisch schlechter Noten, zeigte Erfolg und ich durfte das altsprachliche Gymnasium verlassen und mir einen Beruf suchen, wurde mir das erneut bewusst. Beruf suchen ist auch etwas falsch… ich starrte schon lange in das Schaufenster des ortsansässigen Fotografenstudios, bewunderte die Dame hinter der Kamera, wie Andere einen Star aus der Bravo. Mein Herz zog mich dahin und als ich gefragt wurde, welchen Beruf ich denn gerne lernen würde, antwortete ich spontan mit „Fotograf“. Ich war schon immer kreativ, und das einzige, was mich wirklich interessierte, war Malen und Musik.  Die Antwort auf mein Berufswunsch waren ein verächtliches Schnauben, ein verständnisloses Kopfschütteln, und die Aussage: „phhh Fotograf, das ist doch kein Beruf! Nein, du lernst was Anständiges!“

Und so wurde ich, weil mein Vater mit meinem zukünftigen Chef Tennis spielte und die das abends am Stammtisch einfach so beschlossen haben, Augenoptikerin. Eine Wahl hatte ich nicht wirklich. Ich war erst 16 und durfte nicht selbst entscheiden, was ich den Rest meines Lebens tun möchte. (Achtung könnte Spuren von Sarkasmus enthalten.)

Ich weiss noch genau. Ich arbeitete gerade mal eine Woche. Und da war es wieder. Dieses Gefühl. Das kann es nicht sein. Das ist falsch. Das halt ich nicht mein ganzes Leben lang aus. Ich tat es trotzdem. Ich war schon so konditioniert, dass ich meine innere Rebellion unterdrückte und mich selbst in das Erlernen dieses Berufs zwang. Ich arbeitete von morgens halb neun, bis abends halb sieben, vier Tage die Woche, plus Samstag. Für lächerliche 220DM. Samstags auch während des Blogcknterrichts, wo man eigentlich von Rechtswegen frei hätte, was mein damaliger Sklaventreiber aber so gar nicht einsehen wollte. Wir würden in den vier Wochen Blockunterricht ja sonst alles praktisch erlernte vergessen. Also kam ich auch Samstags während der Schulblöcke zur Arbeit – und durfte das Lager aufräumen ???

Mein Geist hörte auf zu rebellieren, meine Eltern hatten mich schon früh mundtot gemacht, dafür übernahm mein Körper die Rebellion und bildete eine allergische Reaktion auf mein Leben. Man nennt es auch Neurodermitis. Und das war nur der Anfang meiner inneren, unbewussten Rebellion, von da an lief nichts mehr so, wie bei angepassten Menschen. Die Gesellschaft machte mich krank, mehr und mehr, und ich begann mich herauszuwinden. Nicht immer bewusst und zeitweise unter Einsatz krasser Methoden, aber mir war völlig klar, so läuft das bei mir nicht! Ich kann nicht so sein, wie es die Gesellschaft verlangt.

Und um den Bogen zu unserem Reiseblog wieder zu bekommen, jetzt wird mir das gerade wieder bewusster denn je. Auch wenn ich sicher kein typisch angepasstes, Braves Mitglied unserer Gesellschaft bin und seit meiner (übrigens abgeschlossenen! Ich hab es wirklich durchgezogen) Ausbildung nie wieder in der Tretmühle gearbeitet hab, sondern immer mein eigener Chef war, und das auch schon immer mit unkonventionellen Geschäftsideen, wird mir doch grade wieder bewusst, in welcher Systemmühle wir gefangen sind. Arbeit, Konsum, Werbung, noch mehr Arbeit, um den durch die Werbung verursachten Konsumwahn befriedigen zu können, und den großen Konzernen Geld in den Rachen zu werfen und noch mal mehr arbeiten, weil wir ca. 75% des erwirtschafteten Geldes ja noch nichtmal behalten dürfen, sondern an den Staat abtreten dürfen, damit dieser noch mehr Systemzombies züchten kann….  Geld regiert nicht nur die Welt, Geld regiert UNS….

STOPP!!!!

Ich möchte da nimmer mitmachen!

Wir sind seit über einem Monat mit leichtem Gepäck unterwegs. Unser ganzes angehäuftes Hab und Gut haben wir zurückgelassen. Und was soll ich sagen? Ich vermisse nichts! Mir geht es gut. Wir sind uns genug. Und deshalb werde ich abspecken. Ich möchte mit weniger auskommen, weniger Konsum, weniger racken, um mehr leben zu können. Konsumgüter sind kein Ersatz für ein erfülltes Leben. Ich möchte wieder vom Konsumenten zum lebenden Menschen werden. Keine Ahnung, wie ich dahin komme, man ist in dem Konsumwahn so gefangen, dass man es ja gar nicht anders kennt und kann und nicht selten noch nichtmal merkt, dass man gerade nur um des Konsums Willen konsumiert und nicht, weil man etwas wirklich braucht…. der Weg eines Total-Aussteigers, der im Wald in einer einsamen Hütte wohnt und nur noch von Selbsterschaffenem lebt, ist auch nicht meiner. Aber ich werde einen Weg finden und gehen, dessen bin ich mir sicher! Und ich werde versuchen, unseren Kindern zu zeigen, dass es ein Leben außerhalb des Konsumwahns gibt. Und dass es sich lohnt, dieses „andere“ Leben zu leben und unangepasst zu sein und das zu tun, was einem glücklich macht. Aber ich glaube, das haben sie schon verstanden 🙂

7 thoughts on “Gedanken am frühen Morgen

    1. Danke schön ❤️ Ich hoffe, es geht euch gut? Taut Meckpomm langsam wieder auf?
      Grüße von uns an euch, und ganz besonders von den Kids an Kim!

  1. Vielen Dank!

    Man denkt immer, dass man alleine solche Gedanken hat und dass man irgendwie „falsch“ ist…

    Es sind genau meine Gedanken die Du da aufgeschrieben hast! Danke, dass ich nicht alleine „verrückt“ bin.

    1. Du bist nicht verrückt! Ganz im Gegenteil, du hast etwas verstanden, was den Meisten für immer verborgen bleibt! lass dir nichts erzählen…

  2. Du kannst so schön beschreiben! Deine Gedanken sind wichtig und es ist gut das du sie mitteilst.
    Heute sagte meine Tochter zu mir. „Glück und Traurigkeit sind nicht so wichtig, denn es sind meist Momente, wichtig ist Zufriedenheit, denn das ist es worum es geht und mal sollte sein Leben so leben, dass man Zufrieden ist, egal welchen Weg man geht“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*